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Zwischen Jules Verne und Jacques Offenbach kam es zu mehreren Begegnungen, und das ist nicht verwunderlich, denn sie lebten zeitweise zur gleichen Zeit in Paris. Verne war Zeit seines Lebens ein leidenschaftlicher Theatermensch und bewegte sich in Theaterkreisen. In den Jahren 1971 und 1972 schrieb der belgische Offenbach- sowie Verne-Experte Professor Robert Pourvoyeur im Bulletin de la Société Jules Verne (Paris) eine Abhandlung, in der er auf vier literarische Begegnungen zwischen Jacques Offenbach und Jules Verne hinwies. 1999 wurde diese Abhandlung für die Bad Emser Hefte (Nr. 193) ins Deutsche übertragen und 2002 erneut leicht überarbeitet. I. 1858 - Die verpaßte Begegnung1858 vollendete der noch völlig unbekannte und erfolglose Jules Verne das Theaterstück »Monsieur de Chimpanzé«, sein Freund Aristide Hignard schrieb die Bühnenmusik. |
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»Monsieur de Chimpanzé« Ein Mann verkleidet sich wie ein Affe, um einen Museumsdirektor hinters Licht zu führen und dessen Tochter heiraten zu können. Er schleicht sich so in die hochfeine Gesellschaft. Dabei benimmt er sich viel besser als die meisten Angehörigen dieser Gesellschaft ... |
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In Jacques Offenbachs Théâtre des Bouffes-Parisiens wurde der Einakter am 17.02.1858 uraufgeführt. Die Kritiken waren zwar wohlwollend, aber ein Teil der Kritiker lehnte die Musik von Hignard ab, so kam es nur zu 16 Aufführungen. Zudem wollte Offenbach gerade sein Repertoire mit Mehraktern erweitern. Während dieser Zeit begegneten sich Verne und Offenbach wahrscheinlich nicht. Die Partitur von »Monsieur de Chimpanzé« ist leider verloren gegangen, aber der Offenbach-Forscher Jean-Christophe Keck komponierte eine neue Originalmusik. Die Uraufführung war am 04.11.2005 im Opéra Théâtre in Metz und dauerte 50 Minuten. II. 1874 - Einfluß von Verne auf OffenbachIm Jahr 1874 war Jules Verne auf dem Höhepunkt seiner Karriere, sein Buch »Die Reise um die Erde in 80 Tagen« wurde auch als Theaterstück sehr erfolgreich aufgeführt. Und so galt ein Stück von Verne in dieser Zeit als eine "Bank", die zum Erfolg führen mußte. Offenbach wollte an diesem Erfolg teilhaben und ließ »Die Reise zum Mond« schreiben. Dieser Titel spielte natürlich auf Jules Vernes Romane »Von der Erde zum Mond« und »Reise um den Mond« an. |
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»Von der Erde zum Mond« Der Präsident Barbicane des amerikanischen »Gun Club« (»Kanonenclub«), der in Nicht-Kriegszeiten seine Bedeutung zu verlieren droht, hat eine rettende Idee: Man baut eine Riesenkanone, mit der man ein Projektil auf den Mond schießen will. Man beginnt mit dem Bau dieser Kanone und des Geschosses. Alle sind vollauf beschäftigt, da bietet der erklärte Feind von Barbicane, Kapitän Nicholl, dem Präsidenten eine Wette an, indem er behauptet: 1. die erforderlichen Geldmittel würden nicht aufgebracht werden; 2. das Gießen der Kanone sei unmöglich; 3. beim Beladen des Geschosses würde die Schießbaumwolle in die Luft gehen; 4. das Geschoß würde beim Abschuß explodieren; 5. das Geschoß fliege keine sechs Meilen. Barbicane nimmt an. Inzwischen trifft eine Depesche ein: Der Franzose Michel Ardan will mit dem Geschoß (der Columbiade) zum Mond fliegen! Michel Ardan gelingt es, die beiden Streithähne zu überreden, mit ihm zum Mond zu fliegen. Der Tag ist gekommen, und die Columbiade wird Richtung Mond abgeschossen. Die drei Reisenden überleben tatsächlich den Abschuß und befinden sich auf dem Weg zum Mond. Allerdings werden sie fast von einem Kometen gestreift, der sie aus ihrer berechneten Flugbahn zum Mond wirft. Nach weiteren überstandenen Gefahren beschließen die Raumfahrer, die Raketen an Bord genau dann zu zünden, wenn sich die Columbiade der Erde zuneigt. Das Experiment gelingt und die drei stürzen mit ihrem Gefährt zurück zur Erde ins Meer. Dort werden sie von dem begeisterten Clubmitglied J.T. Maston geborgen. |
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Tatsächlich hat das Theaterstück von Offenbach wenig bis nichts mit den Mondromanen von Verne zu tun, bei Offenbach zum Beispiel landet man auf dem Mond, bei Verne nicht. Aber Jules Verne war wegen des Titels irritiert. Er schrieb am 02.11.1875 einen Brief an seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel und zählte dort drei Szenen auf, die seiner Meinung nach aus seinen Romanen entnommen wurden. 1. Die Konstruktion der Kanone: Es geht um einen Holzstich in Vernes Roman, auf dem eine Kanone abgebildet ist, wie sie von der Romanfigur J.T. Maston vorgeschlagen und schließlich von Offenbach übernommen wurde. 2. Die Abreise: Diese erfolgt jeweils im Projektil, der weitere Verlauf der Reisen ist jedoch unterschiedlich. 3. Der Auswurf aus dem Vulkan durch eine Eruption: Dieses Ereignis entstammt aus einem anderen Roman Vernes »Die Reise zum Mittelpunkt der Erde«. Bei beiden Werken wird jeweils zum Ende der Geschichte ein Vulkan verwendet, der das Gefährt durch einen Ausbruch zutage bringt. Jules Verne dachte kurzzeitig darüber nach, Klage einzureichen, wurde ihm doch selbst zur gleichen Zeit unberechtigterweise ein Plagiat vorgeworfen. Er verwarf diese Idee. Es hielt ihn aber nicht davon ab, in Anspielung auf Offenbach die Romanfigur Hakhabut aus »Hector Servadac« als "deutschen Juden aus Köln" zu bezeichnen. III. 1877 - Die ZusammenarbeitDie Kurzgeschichte »Doktor Ox« schrieb Jules Verne bereits im Jahr 1872, sie wurde dann 1874 als Sammelband erneut veröffentlicht. Der Riesenerfolg der Theaterversion von »Die Reise um die Erde in 80 Tagen« veranlasste Offenbach, es erneut mit einem Verne-Stoff zu versuchen, dieses Mal aber in Zusammenarbeit. |
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»Doktor Ox« Am 26.01.1877 wurde »Doktor Ox« an Offenbachs Lieblingstheater, dem Théâtre des Variétés, uraufgeführt. In dem fiktiven flämischen Städtchen Quiquendone läuft der Alltag sehr langsam ab: Der Bürgermeister van Tricasse und sein Rat diskutieren gemächlich tagelang über anstehende Dinge, und die Entscheidungen brauchen ebenfalls Tage, wenn nicht sogar Wochen. In dieses gemütliche Städtchen ist vor einiger Zeit ein gewisser Dr. Ox mit seinem Diener Ygène gezogen. Dieser Dr. Ox möchte auf eigene Kosten der Stadt Quiquendone eine Gasbeleuchtung schenken. Er tut dies aber nicht ohne Hintergedanken: Die Laternen spenden nicht nur Licht, sie versprühen auch reinen Sauerstoff, der den Bewohnern von Quiquendone zu ungeahnten Geschwindigkeiten verhilft: Aus dem verschlafenen Nest und seinen Bewohnern wird eine hektische Stadt! Schließlich explodiert das Gaswerk des Dr. Ox und die Stadt wird in den Urzustand zurückversetzt. |
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Um die Geschichte theaterfähig zu machen, mußten einige Stellen umgeschrieben werden. So wurden weibliche Rollen hinzugefügt und der langsame Tagesablauf der Quiquendoner wurde gestrafft, um das Publikum nicht zu ermüden ... Speziell für das Stück wurden neue Maschinen in das Theater eingebaut: "Gasometer" für die Abgabe von Sauerstoff, um neuartige Beleuchtungseffekte zu erzielen. Das Theater wurde für diesen Umbau fünf Tage geschlossen. Bei den Aufführungen funktionierten die Gasometer allerdings nicht richtig, sie sprühten unkontrolliert den Sauerstoff aus, was dazu führte, daß den Sängern die Augen tränten. Das Stück wurde 1877 insgesamt 42 mal aufgeführt und nicht wieder aufgenommen, obwohl die Kritik das Stück wohlwollend als "erste wissenschaftliche Operette" bezeichnet hatten. In Deutschland spielte das WDR Rundfunkorchester unter der Leitung von Curt Cremer 1978 die opéra bouffe in drei Akten ein, im Jahr 2003 wagte sich die französische Theatergruppe "Les Brigands" an das Stück heran und führte es erneut auf. Von dieser Aufführung ist auch eine DVD im Handel erhältlich. Anzumerken ist noch, daß sich im Textbuch von »Doktor Ox« der Vermerk befindet: »Das Textbuch ist mit ausdrücklicher Bewilligung des Autors und des Verlegers J. Hetzel publiziert.« IV. 1892 - Einfluß von Offenbach auf VerneDiese vierte Begegnung ist laut Pourvoyeur nur eine angenommene: Beim Schreiben des einzigen "Gruselromans" »Das Karpathenschloß« soll Jules Verne von »Hoffmanns Erzählungen« inspiriert worden sein - aber nicht von den Werken E.T.A. Hoffmanns, sondern von der Oper Offenbachs, die 1881 erst nach dessen Tod (1880) uraufgeführt wurde. |
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»Das Karpathenschloß« Der sich auf der Durchreise befindende Franz von Telek erfährt in dem Dorf Werst in den Karpathen, daß sich in dem dortigen Schloß Rudolf von Gortz aufhält. Die beiden Männer verbindet eine ehemalige Liebe zur gleichen Frau, der berühmten Sängerin Stilla, die auf der Bühne verstorben ist. Franz von Telek dringt in das Schloß ein und glaubt, seine geliebte Stilla zu hören und zu sehen! Es handelt sich jedoch um ein technisches Wunderwerk, denn Rudolf von Gortz ist es gelungen, Ton- und Fotoaufnahmen von Stilla mit einer Spiegeltechnik so wiederzugeben, daß man den Eindruck hat, Stilla sei zum Leben erweckt. Es kommt zum Streit und einer Explosion, bei der von Gortz ums Leben kommt und von Telek kurzzeitig seinen Verstand verliert. |
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Diese letzte literarische Begegnung ist spekulativ und nicht beweisbar. 1880 - EpilogIm Jahr 1880 nahm Jules Verne an einer Gedenkfeier zu Ehren Jacques Offenbachs teil. |
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Die Informationen zu diesem Bericht stammen aus folgenden Quellen: |
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[ Stefan Marniok ]
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