Les Contes d'Hoffmann

Version Oeser

Dirigent: Sylvain Cambreling



LP (EMI)


CD (EMI, 1988)


CD (EMI, 2006)



Mitwirkende:

Hoffmann Neil Shicoff
die Muse Ann Murray
Nicklausse Ann Murray
Stella Dinah Bryant
Olympia Luciana Serra
Antonia Rosalind Plowright
Giulietta Jessye Norman
Lindorf José van Dam
Coppélius José van Dam
Dr. Miracle José van Dam
Dapertutto José van Dam
Andrès Robert Tear
Conchenille Robert Tear
Frantz Robert Tear
Pitichinaccio Robert Tear
Luther Kurt Rydl
Hermann Marcel Vanaud
Nathanaël Thierry Dran
Spalanzani Alexander Oliver
eine Stimme Stefan Dimitrov
Crespel Kurt Rydl
die Stimme der Mutter Jocelyne Taillon
Schlemil Dale Duesing

Choeurs de l'Opéra National du Théâtre
Royal de La Monnaie, Bruxelles
Leitung: Gunter Wagner

Orchestre Symphonique de l'Opéra National
du Théâtre Royal de La Monnaie, Bruxelles
Dirigent: Sylvain Cambreling
Aufnahme:
Gesamtaufnahme
in französischer Sprache

Produktion:
EMI - 1988, Brüssel
3 LP / 3 CD - stereo

Katalog-Nr.:
LP (EMI): 7 49641 1
CD (EMI, 1988): 7 49641 2
CD (EMI, 2006): 0946 3 58613 2 7



Anmerkungen:

Spielzeit: 1. - 5. Akt [205'30"] • Appendices [08'15"]

    1. Akt - In Luthers Taverne [39'45"]

    2. Akt - Olympia [42'30"]

    3. Akt - Antonia [57'45"]

    4. Akt - Giulietta [47'15"]

    5. Akt - Stella [18'15"]

    Appendices (entfallene Nummern der Version Choudens) [08'15"]

    • »Une poupée aux yeux d'émail« (Nicklausse)
    • »Scintille, diamant« (Dapertutto)
    • »Hélas! Mon coeur s'égare encore« (Hoffmann)

In seiner nicht unumstrittenen Version griff Fritz Oeser zur Komplettierung des Giulietta-Aktes unter anderem auf drei Kompositionen Offenbachs zurück, die dieser nicht zur Verwendung in »Les Contes d'Hoffmann« vorgesehen hatte. Es sind dies:

  • das Lied »Dites, la jeune belle« aus dem Liedzyklus »Les Voix Mystérieuses«
    [es dient hier als Couplet Giuliettas »Vénus dit à Fortune«]
  • die Arie der Armgard »Dort, wo hundertjähr'ge Eichen« aus »Die Rheinnixen«
    [sie bildet hier die Arie Giuliettas »Qui connaît donc la souffrance«]
  • die Ouvertüre zu »Die Rheinnixen«
    [Oeser verwendet diese als Überleitung vom 4. zum 5. Akt]

Von dieser Gesamtaufnahme veröffentlichte EMI Auszüge auf einer CD in der Reihe

"Everdings Opernführer".

Ebenfalls unter dem Dirigat von Sylvain Cambreling entstand:


Kommentare:


Man braucht ein wenig Zeit, wenn man sich mit Hilfe dieser Einspielung Oesers neuer Version der »Contes d'Hoffmann« nähern möchte.

Dies liegt zum einen an der Fassung Oesers an sich. In dem Bemühen, eine möglichst quellengetreue Edition herauszugeben, schoß Fritz Oeser erheblich über das Ziel hinaus. So wurden der vierte und der fünfte Akt mit Rezitativen, Szenen und Nummern aufgefüllt, von denen damals schon feststand, daß Offenbach diese niemals für die »Contes« gedacht hatte. So lobenswert Oesers Anliegen auch zunächst war, so tadelnswert ist sein Vorgehen aus musikhistorischer Sicht zu werten.

Die erhebliche Spieldauer von über drei Stunden liegt allerdings auch an dem sehr gemütlichen Dirigat Sylvain Cambrelings. Nur knapp entgehen einige Nummern der Langweiligkeit und die restliche Zeit werden die Noten in einen derart braven Rahmen gezwängt, daß es den Sängern so gut wie unmöglich ist, wirkliche Spannung zu erzeugen. Das Orchester spielt ebenso brav, wie der Dirigent es vorgibt, präzise aber ohne erkennbare Ambitionen. Alles in allem ist dies eine klinisch-schöne Version des Orchesterparts, was durch das Fehlen jeglicher untermalenden Geräusche unterstützt wird.

Im Gegensatz zu diesem bodenständigen Dirigat holt Neil Shicoff an Dramatik aus der Rolle des Hoffmann heraus was ihm eben möglich ist. Technik und Timbre machen ihn zu einem der besten Hoffmänner, die sich in der Discographie finden lassen, denn selbst die anspruchsvolleren Passagen klingen leicht und ausdrucksvoll. Bisweilen gleitet Shicoffs Hoffmann in ein leichtes Schluchzen ab, was zunächst ein wenig befremdlich wirkt. Im Hinblick auf das sanfte Dirigat kommt dies aber dem Gesamtergebnis wieder zugute.

Ann Murray bestreitet die Doppelrolle Nicklausse/Muse und übernimmt damit eine schwierige Aufgabe, da die Oeser-Fassung dieser Figur die von Offenbach beabsichtigte Ambivalenz zurückgibt. Ein wenig wird Ann Murray von dem beschaulichen orchestralen Rahmen beeinflußt, so daß ihrer Muse und ihrem Nicklausse der handlungsvorantreibende Moment ein bißchen abhanden kommt. Andererseits paßt ihre Stimme in Klang und Ausdruck gut zu der Rolle und bei den neuen Couplets, die Nicklausse in der Oeser-Fassung zu singen hat (»Voyez-la sous son éventail« im Olympia-Akt und »Vois sous l'archet frémissant« im Antonia-Akt), hört man ihr gern zu.

Bei allem Streben nach Quellentreue hielt man es auch bei der vorliegenden Aufnahme nicht für notwendig, das Durchtrennen des wichtigsten roten Fadens zu vermeiden: die Geliebten Hoffmanns wurden mit verschiedenen Sängerinnen besetzt, dies allerdings hervorragend. Luciana Serra leiht ihre Stimme der seelenlosen Puppe und es ist ihr höchstens vorzuwerfen, daß ihre Olympia bisweilen zu warm klingt. Ansonsten liefert sie wunderbar mühelose, klare und klangvolle Koloraturen ab. Passend besetzt ist auch die Antonia dieser Aufnahme mit einer jugendlich klingenden und stimmsicheren Rosalind Plowright. Es ist eine der wenigen Rollen, denen Sylvain Cambrelings Dirigat bei der Gestaltung zugute kommt. Die Geliebte des vierten Aktes übernimmt Jessye Norman, die hier um einiges passender besetzt ist als in der Aufnahme unter Jeffrey Tate, wo man ihr die Antonia gab. Die Giulietta Jessye Normans ist nicht die berechnende Kurtisane, sondern eher das verführende, aber gleichwohl hilflose Opfer Dapertuttos. Egal, ob dem Hörer diese Interpretation gefällt oder nicht: stimmlich füllt Jessye Norman die Rolle bei weitem aus und beschert so den »Hoffmann«-Hörern im Duett mit Ann Murray eine der schönsten Barcarolen, die sich auf Tonträger finden lassen. Dinah Bryant, welche das Quartett der Frauen in der Rolle beschließt, entzieht sich einer genaueren Betrachtung, denn in der Oeser-Fassung ist Stella nur im Emsemble des Finales zu hören.

Die Widersacher werden in allen vier Akten von José van Dam gesungen. Aber so schön seine Stimme auch klingt, den Dämonen fehlt das Dämonische, das Überirdische, eben das, was der Oper ihre unheimliche Stimmung verleiht. Man nimmt Dr. Miracle nicht wirklich ab, daß er Geister erscheinen lassen kann und auch Dapertutto traut man keinen Handel mit Schatten und Spiegelbildern zu.

Es scheint, als hätte sich Robert Tear, Sänger der vier Diener, gern ein bisschen mehr der Charakterisierung seiner Figuren gewidmet. Sein schauspielerisches Talent und sein ausdrucksvoller Gesang hätten ihm dies auch sicher gestattet. Allerdings unterbindet das bereits angesprochene Dirigat jegliches Ansinnen in dieser Richtung und so bleiben auch die Diener entgegen Offenbachs Absicht brave kleine Tenorrollen.

Der ersten CD- und der LP-Ausgabe liegt jeweils ein Booklet von beachtlichem Umfang in CD-Größe bei. In diesem wird ausführlich auf die verwendete Oeser-Version eingegangen.

Fazit: Diese Aufnahme gehört allein wegen der im Studio eingespielten Oeser-Fassung in die Sammlung eines Offenbach-Freundes. Da sich diese Version durch die Kaye-Edition weitgehend erübrigt haben dürfte, werden weitere Einspielungen von Oesers Auslegung der »Contes« nicht zu erwarten sein. Wegen der lobenswerten Absicht, diese Fassung einzuspielen und auf Grund der liebevollen Appendices, den nur in der Choudens-Version enthaltenen Musiknummern, bekommt die Aufnahme in der Gesamtbewertung einen Dirigenten mehr als die Interpretation allein verdient hätte.

[ Marcus Ebeling ]




Diese Aufnahme ist besser als ihr Ruf. Sicher: die zunächst so hochgelobte Oeser-Edition entpuppte sich als Enttäuschung als klar wurde, daß es sich hier lediglich um eine weitere - zum Teil sogar recht freie - Bearbeitung handelt. Hätte Fritz Oeser damals nicht versucht, den Eindruck zu erwecken, den "Ur-»Hoffmann«" rekonstruiert zu haben, so wäre es wohl heute leichter die Meriten seiner Edition zu erkennen. Die Fassung ist nämlich äußerst praktikabel und überzeugend. Auch hat sie der bis dahin üblichen Edition Choudens einiges voraus.

Diese Einspielung stellt die Vorzüge der Oeser-Editon sehr schön heraus. Außerdem verfügt sie über den vielleicht besten Interpreten für die Titelfigur: den Tenor Neil Shicoff.

[ Michael Laricchia • 30.04.06 ]




Mit Sicherheit eine der besten Einspielungen von Offenbachs »Les Contes d'Hoffmann«.

Ich kenne zwar nur die beiden Einspielungen unter Tate und Nagano, die beide wirklich gut sind und die ich nicht missen möchte! Aber dort stört mich, dass im Antonia- und im Giuiletta-Bild die Rezitative durch Dialoge und Melodramen ersetzt sind. Vor allem in der Einspielung unter Jeffrey Tate, die ansonsten sehr gut gelungen ist, ist das Ende des 4. Aktes so seltsam untheatralisch ... Und ob diese Fassung mit Rezitativen dem Original wirklich so nahe komme, wer weiß das schon so genau. Zwar wurden in der Uraufführung wohl auch Rezitative gesungen, aber dort wurde meines Wissens nach der gesamte Giuiletta-Akt gestrichen. Und so wollte diese Oper heute auch sicherlich niemand hören.

Ich bin zwar nicht der größte Opernkenner, aber ich hatte mir eine Aufführung im April und Mai 2003 am saarländischen Staatstheater mehrmals angesehen. Hier wurde die Oeser-Fassung verwendet, bzw. eine Fassung ohne Dialoge und Melodramen. Zum Vergleich (und gereift im Wissen ... :O) ) werde ich mir jetzt eine Aufführung am Pfalztheater in Kaiserslautern ansehen, die auf der Kaye-Fassung basiert. Vielleicht muss ich dann mein Urteil anpassen ...

So erlebt man unter Sylvain Cambreling einen Hoffmann, dessen Leiden und Leidenschaft glaubwürdig sind und eine Jessye Norman, die einfach großartig singt und die meiner Meinung nach die Rolle glaubhaft verkörpert. Da auch die anderen Solisten gut bis sehr gut sind und sowohl Chor und Orchester als das Klangbild hervorragend sind, möchte ich diese Einspielung am stärksten empfehlen.

[ Michael Biehl • 11.02.07 ]




stereo 8/89: »Ernsthafte Erzählungen, in denen die Männer dominieren, erstmals in der Oeser-Fassung. ... Eine vorbildliche Edition, die Offenbach als Tragödienkomponisten zeigt. Hohe Bewertungen für die Interpretation und Klangqualität.«

[ aufgespürt von Opermaniac • 28.05.07 ]





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 • © Oktober 2005 •