Les Contes d'Hoffmann

Version Choudens

Dirigent: Jean Morel



CD (Living Stage)



Mitwirkende:

Hoffmann Nicolai Gedda
Nicklausse Helen Vanni
Olympia Mattiwilda Dobbs
Giulietta Rosalind Elias
Antonia Lucine Amara
Lindorf George London
Coppélius George London
Dapertutto George London
Dr. Miracle George London
Andrès Alessio de Paolis
Conchenille Alessio de Paolis
Pitichinaccio Alessio de Paolis
Frantz Alessio de Paolis
Luther George Cehanovsky
Hermann Calvin Marsh
Nathanaël Robert Nagy
Spalanzani Paul Franke
Schlemil Clifford Harvout
Crespel Norman Scott
die Stimme der Mutter Mignon Dunn

Metropolitan Opera Chorus
Leitung: (keine Angabe)

Metropolitan Opera Orchestra
Dirigent: Jean Morel
Aufnahme:
Gesamtaufnahme
in französischer Sprache

Produktion:
Living Stage - 1959, New York
2 CD - mono, live

Katalog-Nr.:
CD (Living Stage): LS 1129



Anmerkungen:

Spielzeit: [137'45"]

Änderungen, Ergänzungen oder Kürzungen größeren Ausmaßes im Vergleich zu der üblichen Choudens-Fassung treten in folgenden Akten auf:

    1. Akt - In Luthers Taverne [26'15"]

  • Lindorfs Arie »Dans les rôles d'amoureux langoureux« entfiel


  • 2. Akt - Olympia [36'15"]

  • keinerlei Besonderheiten


  • 3. Akt - Giulietta [25'00"]

  • Hoffmanns Trinklied »Amis, l'amour tendre et rêveur!« wurde gestrichen


  • 4. Akt - Antonia [42'15"]

  • keinerlei Besonderheiten


  • 5. Akt - Stella [08'00"]

  • es fehlt der Auftritt der Muse »Et moi? Moi, la fidèle amie«
  • das Finale 5. Akt: »Hoffmann! Endormi?« (Stella) entfiel

Ebenfalls unter dem Dirigat von Jean Morel entstanden:


Kommentare:


Im Verhältnis zum Aufnahmedatum 1959 erschien dieser Livemitschnitt erst sehr spät auf einem Tonträger, nämlich genau 46 Jahre danach. Berücksichtigt man das Entstehungsjahr, so ist die Tonqualität beachtlich: Der Klang ist recht voll, auch die Relation der Lautstärke zwischen Orchester und Sängern ist ausgewogen. Lediglich die deutlich hörbaren Bühnengeräusche stören hin und wieder die lebendige, interpretatorisch hörenswerte Aufführung.

Jean Morel, der zwei Jahre zuvor einen hervorragenden Querschnitt der »Tales of Hoffmann« in englischer Sprache eingespielt hatte, beweist hier zum zweiten Mal sein feines Gespür für Offenbachs Musik. Gekonnt vermeidet er mit seinem akzentuierten Dirigat jeden süßlichen Schmelz, jede überzogene Dramatik, denen sich Dirigenten in Amerika immer wieder gern hingeben. Und das Orchester der Metropolitan Opera New York zeigt, daß es durchaus in der Lage ist, sich auch einem solchen Stil anzuvertrauen. Angenehm fällt auch der präzise und wohlklingende Chor des Hauses auf.

Selbst wenn man Nicolai Gedda nur in dieser einen Liveaufnahme erlebt, wird einem schnell klar, welche Bühnenpräsenz von ihm ausgegangen sein muß. Stimmlich nahezu eine Idealbesetzung für die Rolle des Hoffmann beeindruckt Gedda neben seinem tadellosen französischen Akzent durch einen beispielhaften Ausdruck. Nur bei den Spitzentönen lässt sich Herr Gedda zu etwas effektheischenden Ausbrüchen hinreißen, was ihm das amerikanische Publikum mit frenetischem Beifall dankt ...

Ihm zur Seite steht ein zeitweise etwas anstrengender Nicklausse in der Person Helen Vannis, die sich immer wieder Freiheiten im Umgang mit den zu singenden Noten erlaubt. Zum Teil liegt dies sicherlich an den Begleitumständen einer Aufführung, denn in der bereits erwähnten Studioaufnahme von 1957, in der Helen Vanni in der gleichen Rolle zu hören ist, gibt es diese kleinen Patzer nicht.

Die Geliebten Hoffmanns wurden auf drei Sängerinnen aufgeteilt und mit den damaligen "Dauerbrennern" für die jeweilige Rolle besetzt. Mattiwilda Dobbs übernahm Olympia und wirkt wie in den Aufnahmen unter Richard Kraus (1962) und Pierre Michel LeConte (französische Version) etwas zu angestrengt. Die Koloraturen sind sauber gesungen, aber ihre Stimme klingt gepreßt und man bangt immer ein wenig mit, ob der nächste Spitzenton auch sitzt. Rosalind Elias steuert eine hochdramatische Giuletta zu dem Frauen-Trio bei, wobei ihr voller Mezzo-Sopran ausgezeichnet zur Rolle paßt. Mit dem im Venedig-Bild besonders dramatisch aufgelegten Nicolai Gedda klingt dieser Akt aufgrund der übertriebenen, leidenschaftlichen Ausbrüche des Paares dann allerdings nicht immer nach Offenbach. Die dritte der Geliebten, Antonia, gibt Lucine Amara. Ihre Stimme ist voll und sie hat die Partie im Griff, allerdings wirkt ihre Antonia bisweilen sehr kräftig für ein todkrankes, junges Mädchen.

Ein erheblicher Unterschied liegt zwischen den Leistungen George Londons im Vergleich zwischen dieser Aufführung und der sechs Jahre später entstandenen Studioproduktion unter André Cluytens. Während sich London bei der letztgenannten Aufnahme geradezu durch die ihm überlassenen Bösewichter-Rollen zu quälen scheint, besticht er hier als diabolischer, stimmlich vollkommen präsenter Gegenspieler - und dies gleich viermal. Mit einer passenden Melange aus Schelm, Schurke und Schamane ist er ein würdiges Pendant zu Geddas charakterstarkem Dichter.

Alessio de Paolis, der über Jahrzehnte die Diener an der Metropolitan Opera gab, präsentiert diese auch hier, wie könnte es mit der Rollenerfahrung anders sein, vorbildlich. Stottern, schreien, singen, gewollt nicht singen können, all das beherrscht er ausgezeichnet. Und das Couplet des Franz bringt ihm auch den verdienten (langen) Applaus ein.

Fazit: die Aufnahme ist kein Anwärter auf die Spitzenplätze, aber auf alle Fälle ein interessanter Kandidat für die Sammlung, auf den man gern einmal zurückkommt.

[ Marcus Ebeling ]





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 • © Oktober 2005 •