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Überraschenderweise eröffnet die Ouvertüre des "großen »Orpheus«" von 1874
("Promenade autour d'Orphée") die interessante Auswahl der eingespielten
Orchesterstücke. Das ist insofern erstaunlich für den Aufnahmezeitpunkt, der in den
1960'er Jahren liegen muß, da bis dato das Ouvertüren-Plagiat Carl Binders
allgegenwärtig war und oft als solches gar nicht mehr erkannt wurde. Neben einigen
bekannteren Ouvertüren besticht die vorliegende Zusammenstellung jedoch auch durch
weitere, seltener eingespielte Stücke, so etwa die Ouvertüre zu »Madame Favart« oder
die Entr'actes aus der »Perichole«. Sehr gut gelöst ist bei letzterer der Übergang
der Ouvertüre in den Entr'acte zum 2. Bild des 3. Aktes.
Furios - das ist das einzig passende Wort, um das Dirigat Reynald Giovaninettis zu
beschreiben. Das Orchester wird konsequent durch die Partitur gescheucht, ohne daß
die Nummern dabei gehetzt wirken. Gleichwohl bleibt genügend Zeit für die ruhigen
und schwelgerischen Passagen.
Die Orchesterleistung geht in Ordnung. Der Schwung, den Reynald Giovaninetti durch
sein Dirigat herauskitzelt, wird überzeugend vorgetragen. Manchmal hapert es ein
wenig am synchronen Spiel des Monte Carloer Opernorchesters, aber damit befindet es
sich mit vielen anderen französischen Orchestern in guter und gleichwohl
unterhaltsamer Gesellschaft.
Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist der bisweilen dünne Klang der Aufnahme. Die
fehlenden Bässe fallen besonders in den Tutti auf, in denen die Streicher sehr hart
und die Blechbläser überproportional laut klingen.
Nichtsdestotrotz verdient die Aufnahme wegen Interpretation und Zusammenstellung die
Höchstpunktzahl.
[ Marcus Ebeling ]
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